1998 / “Generation Y!”


TAUSCHEN IST WICHTYG!

1998 gründet Markus Tripolt gemeinsam mit Georg Scheibenbauer und Michael Denk die Künstlergruppe Geschwister Raviolly. Mit der Verwendung des “fremden i”, also dem “Y!” als poetisch verfremdeten Code der Jahrtausendwende, markieren sie das Ende der Generation X und rufen bereits 1998 zu dere Nachfolge die Generation Y (sprich “why”) aus.

In Begriffen, Namen und Worten ersetzt das “Y!” den Buchstaben i, und schafft so ganz neue, überhöhte Bedeutungen von (Alt-)bekanntem, (Vor-)bestimmten und schon längst Bezeichnetem.

Mit einem eigens produzierten Tauscheralbum, entwickeln die Geschwister Raviolly das urbane Kommunikationsspiel “TAUSCHEN IST WICHTYG!”. Über mehrere Wochen hinweg beteiligen sich hunderte Mitspieler an der wöchentlichen Tauschbörse im Wiener Cafe Carina am Wiener Lerchenfeldergürtel.

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TAUSCHEN IST WICHTYG
Christoph Wurmdobler, der Falter

„Ich tausche Liebe gegen Verzweiflung“, sagt der Mann am Wirtshaustisch. „Nichts gegen irgendwas?“ fragt sein Gegenüber. An der Wand ist mit Großbuchstaben die zentrale These geschrieben, die die absurde Situation erklärt: „Tauschen ist wichtyg“.

Seit einem halben Jahr bereiten Markus Tripolt, Georg Scheibenbauer und Michael Denk als die Geschwister Raviolly mit ihren bizarren Aktionen das Geschehen am Wiener Gürtel, genauer im legendären Cafè Carina, das die Geschwister Raviolly zu ihrem Headquater erkoren haben. „Begonnen hat alles damit, dass wir hier Paninni-Sammelbildchen zur Fußball-WM getauscht haben“, erzählt Markus Tripolt, hauptberuflich Maler. Inzwischen wechseln keine Kickerporträts mehr ihre Besitzer, sondern Worte.

Wer ein Wort mit einem I bringt, erhält dafür ein Wort mit einem fremdi, also einem Y, eingetauscht. Das Ergebnis („Ergebnys“) ist an den Wänden des Lokals abzulesen. Dort animiert eine Worttapete seit einigen Wochen die Gäste zum Mitmachen: „Pfytschipfeil“, „Clynton“, „Yllegal“ oder „Menschlychkeit“. Das Y ist der Buchstabe des ausgehenden Jahrtausends“, referiert Georg Scheibenbauer, ebenfalls Maler. Der Buchstabe symolisiert drei Wege: den richtigen, den falschen und den eigenen.“

„8ung fremdes i“ heißt die Aktion, die sich – unabhängig vom Spaßfaktor – mit Fremdsein, Kommunikation und Annäherung an das Fremde durch Austausch beschäftigt. Demnächst soll ein richtiges Sammelalbum erscheinen.

Ob die Geschwyster Raviolly nun Kunsttransporter gegen Stadtbahnbögen krachen lassen, auf belebten Kreuzungen undbedingt blaue Kamele malen („Die Polizisten haben nur gesagt, dass ihenen Fische lieber gewesen wären“), oder bei einem „gefakten“ Promi-Minigolfturnier 14.000 Schilling für Care sammeln: Immer ist das gewiefte Publikum aufgefordert, Botschaften hinter den vordergründigen Schmähs zu dechiffrieren.

Gerade recht zur Jahrtausendwende basteln die Raviollys übrigens an einem typisch österreichischem Zukunftsprojekt. Sie wollen nichts weniger als die Pyramide von Gizeh nachbauen, und zwar aus Strohballen und zwar im nordburgenländischen Ort Kittsee. Fünfundzwanzig Jahre haben sie für die Realisierung der „Pyramide von Kittsee“ eingeplant. Ernst oder Unernst? Subvetionen? Anerkennung seitens der Kritik? Das ist den Raviollys, sagen sie wenigstens, ziemlich egal. „Irgendwer muss die Arbeit doch machen“ meint Ober-Raviolly Markus Tripolt. „Wenn nicht wir – wer sonst?“

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STADTLEBEN / Institut für soziale Wärme
Falter 6/99

Damenklo!” Jeder Ort hat seine Codes. “Da-men-klo!” Manche Dinge sind ohne Betriebsanleitung unverständlich. “Da-men-kloooooo!” Die neunköpfige Band verläßt die Toilette. Weil es im Café Carina keinen Bühnenaufgang gibt, führt der Bühnenabtritt auf den Abtritt. Statt “Zugabe!” ruft man “Damenklo!” Neun Musiker, die auf einem Abort zusammengquetscht werden, lassen sich nicht lange bitten. “Blöd wenn das Klo nicht frei ist” erzählt einmal ein Musiker: “Wir haben schon einmal drei Nummern dazuimprovisieren müssen, weil besetzt war”

Oben die U-Bahn. Links und rechts der Gürtel. Vorne die Straßenbahn. Und hinten, wenn es “hinten” in einem Gürtelbogen gibt, hinten die U-6 Station Josefstädter Straße und das Tageszentrum für Obdachlose. In der Mitte steht Mama Raviolly und ist froh. Weil die “Kinder” glücklich sind. “Die Kinder dürfen nur eines nicht. Die Schienen müssen liegenbleiben.” (…)

Sandler und Sammler, Verlierer und Verliebte, Politiker und Polemiker sitzen hier- und geben Klassen- oder Elitebewußsein an der Schwelle zur Schwemme ab. Wenn sich jemand an das mit Kuhfell bespannte Klavier setzt, wenn jemand Igors Gitarre stimmt und unter dem sternenbemalten Gewölbehimmel, der unter der U-Bahn leise vibriert, klimpert, wenn jemand um drei Uhr Früh nach Tischtennisschlägern (“Auch die mit dem Loch drin?”-”Natürlich auch die mit dem Löch drin!” verlangt, die im historischen Eiskasten neben den vielen anderen seltsamen Dingen aufbewahrt werden, um auf dem Billardtisch ein “Ringerl” zu spielen, dann weiß Mama Raviolly, daß “das Warten sich gelohnt hat – auch wenn es sehr lange gedauert hat.” (…)

Irgendwann sind dann Beatrix Zobl und Manfred Steiner aufgetaucht. Es war ein Samstagnachmittag vor zweieinhalb Jahren, erinnert sich Igor. Zehn Jahre war er, der Seemann aus Slovenien, da schon mit Edda verheiratet. das leben zwischen den Fahrbahnen war ihm noch unangenehmer, als es heute immer noch ist. Zobl und Steiner fielen auf: Sie waren keine Stammgäste. Sie sahen anders aus. Sie sprachen anders. Sie trugen Fotoapparate. Edda war auf der Hut – auf Slum – oder Tristessentouristen konnten hier alle verzichten.

Von Kunst und Interaktion sprachen die beiden. Davon, daß hier ein guter Treffpunkt wäre. von künstlerischen Aktionen. “Es war” erinnert sich die Wirtin, “Liebe auf den zweiten Blick. Die waren mir zu seriös.” (…)

“Das Carina hat etwas von einem Bahnhofslokal”, meint Manfred Steiner, “eine aussterbende Spezies. Ich habe diese Atmosphäre immer gerne gehabt.” Was das Carina schon damals vom Brandweiner von nebenan unterschied, war das Zuhause-Gefühl, das Edda und Igor vermittelten. “Für mich”, so Steiner, “ist das ein Institut für soziale Wärme”. (…)

Überregionale Relevanz erlangte das Carina im Laufe der Fußball-WM. Der Maler Makus Tripolt lud – via Kleinanzeige im Falter – zur Tauscherbörse. “In der ersten Woche kamen 20, in der zweiten 50 Leute. Zum Schluß war selbst der Platz vor dem Lokal voller Menschen.” In die Annalen wird ein Linzer Jurist eingehen, der jede Woche nach Wien fuhr. Der Mann hatte jahrelang gesammelt, ein Vermögen ausgegeben – und nie getausch. “Er ist dagestanden und hat gerufen: `Tauschen ist wichtig!´”, erinnert sich Tripolt. Der Spruch prangt heute über der Tür. Im Hinterzimmer lagert Tripolts Freund Georg Scheibenbauer in Plastikfolie eingenähte, nach den Börsen eingesammelte Tauscherlisten. Im Rahmen der Tauscherszene entstanden – im Gegensatz zu den Kickerpickerlproduzenten “Gebrüder Pannini” – auch die “Geschwister Raviolly”. Als Vorleistung für die von Tripolt für den Sommer 1999 geplante Kunstaktion “8-ung – Fremdes i!” mutierte das Schluß-i zum Y. das Edda Stanta “Mama Raviolly” wurde war logisch. Einem der Geschwister hat sie schon die Hemden gebügelt. im Lokal – wo sonst?

Gürtelmeile hin, Lokalboom eben dort her – Szenelokal will das Carina keines sein. “Höchstens ein Geheimtip.” In die Planung der Kulturzone war das Haus Raviolly nie einbezogen. Trotzdem freut sich die für das neue Leben verantwortliche Architektin Silja Tillner, daß das Carina von einer tristen Schank “zu einem Kultcafé und einem Künstlertreff, einer Art Wohnzimmer der Kulturmeile und zu einem melting pot des Gürtels geworden ist. (…)

 


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